"Ich sehe keine Alternative zur Telemedizin"
München, April 2010. Telemedizinische Behandlungsprogramme - insbesondere vom Typ "Telemonitoring bei Herzinsuffizienz" - sind hinsichtlich ihrer medizinischen Erfolge weitgehend unumstritten und werden mittlerweile in den entsprechenden Leitlinien empfohlen. Dennoch wird der gesundheitsökonomische Effekt noch immer kontrovers diskutiert. almeda hat darüber mit Prof. Dr. oec. Volker E. Amelung, Gesundheitssystemforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover, gesprochen.
Herr Prof. Amelung, ist die eingangs erwähnte Skepsis berechtigt?
"Eine gewisse Skepsis ist verständlich, wenn man das Kernproblem der Telemedizin betrachtet: Die Kosten für telemedizinische Programme fallen unmittelbar an, während ihr konkreter Nutzen sich erst nach und nach einstellt. Sieht man die Kosten allerdings als Investition in eine Steigerung der Versorgungsqualität und wird die landläufige Einschätzung "bessere Versorgung ist teurere Versorgung" von der Erkenntnis abgelöst "nichts ist günstiger als bessere Versorgung", so bestünde eigentlich kein Grund zur Skepsis. Zumal sich mit der stetigen Optimierung der Studienlage das Risiko dieser Investitionen minimiert."
Welches sind aus Ihrer Sicht die kritischen Erfolgsfaktoren, damit ein Programm neben der Verbesserung der Qualität auch die Kosten senkt?
"Die Entwicklung von erfolgreichen telemedizinischen Behandlungsprogrammen sind langwierige und komplexe Lernprozesse, insofern sind erfahrene Anbieter im Vorteil. Wichtig dabei sind mehrere Faktoren. Dazu zählen etwa die gezielte Auswahl der Programmteilnehmer, die Etablierung effizienter und strukturierter Prozesse, die Steuerung des Einsatzes kostenintensiver Technologien mittels Risikostratifizierung oder die Ausnutzung der positiven Effekte von Lebensstiländerung und Complianceförderung in Kombination mit Telemonitoring."
Gibt es hochwertige Studien, die einen Kosteneinspareffekt belegen?
"In Deutschland wird die Versorgungsforschung immer noch stiefmütterlich behandelt. Begrüßen möchte ich jedoch die Absicht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), die Versorgungsforschung inkl. Gesundheitsökonomischer Forschung über einen längeren Zeitraum nachhaltig zu unterstützen und auszubauen. Die bisher vorliegenden Studien müssen sehr differenziert betrachtet werden, etwa hinsichtlich der untersuchten Populationen und Interventionen. Mittlerweile gibt es aber internationale Übersichtsarbeiten und Metaanalysen*, die eine Reduktion von Hospitalisierungen und damit auch eine Kostensenkung bei gezieltem Einsatz der Telemedizin belegen."
Was müsste man aus Ihrer Sicht tun, um die Kostenträger von den gesundheitsökonomischen Effekten der Telemedizin noch stärker zu überzeugen?
"In der Telemedizin wurde, wie bei vielen neuen Technologien, zu Anfang sehr viel versprochen - manches konnte nicht gehalten werden. Deshalb ist es wichtig, das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen. Unabdingbar für diesen Prozess sind wissenschaftlich fundierte Programmevaluationen und alternative Vergütungsmodelle mit niedriger Basisgebühr und Einspargewinnbeteiligung, ggf. mit Leistungsgarantien."
Wo sehen Sie die Telemedizin in zehn Jahren?
"Ich sehe für die Zukunft auch im Hinblick des demographischen Wandels und der zunehmenden Notwendigkeit der Versorgung multimorbider Patienten keine Alternative zur Telemedizin. Sie wird sich kontinuierlich und erfolgreich weiterentwickeln, denn sie ist eine der wenigen Innovationen der letzten Jahre, die Qualitätsverbesserung mit Kostensenkung vereinen kann."
Weiterführende Informationen zu den Kernelementen der almeda Gesundheitsprogramme
Veröffentlicht in almeda aktuell, Ausgabe 1/2010, Archiv
* Robyn A Clark, Sally C Inglis, Finlay A McAlister, John G F Cleland and Simon Stewart. Telemonitoring or structured telephone support programmes for patients with chronic heart failure: systematic review and meta-analysis. BMJ 2007;334;942. Catherine Klersy, Annalisa De Silvestri, Gabriella Gabutti, Francois Regoli, and Angelo Auricchio. A Meta-Analysis of Remote Monitoring of Heart Failure Patients. J. Am. Coll. Cardiol. 2009;54;1683-1694.
